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[Kategorie: Theater-Feste]
Neuss, Deutschland: 16.07.2010 bis 18.08.2010

Shakespeare Festival im Globe Neuss

20jähriges Jubiläum

von Angela van den Hoogen

Globe Neuss
Globe Neuss bei Nacht
Heinrich VIII.
Heinrich VIII.

Die Neusser Rennbahn hat sich pünktlich zum Jubiläum ihr neues Gesicht zugelegt: Wenn am 16. Juli dieses Jahres das Globe seine Pforten zum 20. Shakespeare Festival öffnet, gibt es keine Bagger, Bauhelme, Schaufeln und Spitzhacken mehr wie noch 2009, sondern Theater am laufenden Band – und dazu einen völlig neuen Auslauf für alle Besucher, die sich nicht nur in der Wetthalle über die jüngsten Ergebnisse in Sachen Drama, Komödie und Historie informieren, sondern womöglich sogar zwischen verschiedenen Vorstellungen etwas von dem neuen RennbahnPark genießen wollen.

Mit elf Produktionen präsentiert die Jubiläumsspielzeit den aktuellen Stand der Shakespeare-Pflege in England, Frankreich, der Schweiz, Ungarn und natürlich auch in Deutschland.

Gleich zu Beginn ist die britische Globe Touring Company mit einem hinreißenden Midsummer Night’s Dream zu sehen: Acht hervorragende junge Akteure lassen eine Wandertruppe der Renaissance auferstehen und schicken sie in die roaring twenties – die Goldenen Zwanziger Jahre (16. bis 18. Juli).

Am Dienstag, den 19. Juli, zeigt uns der »Neusser Shakespeare Stadl« Alle Dramen mit fünf Damen – eine charmante Nachwuchsproduktion, in der die Demoiselles durch sieben Shakespeare‑Dramen tollen, um sich der bunten Reihe nach in Könige, Feldherren, Hexen, Geister, Liebende und Bösewichte zu verwandeln. Der launige Schauspielführer, »the young persons’ guide to Shakespeare«, nimmt den Dichter mitunter ein bisschen auf die Schippe…

Liebesintrigen, silbenreiche Wortgefechte und die unvermeidliche Doppelhochzeit stellt Stephen Jameson vom 21. bis 24. Juli auf die Bretter des Globe: Much Ado about Nothing verlegen die Londoner Truppe Alma Mater und ihre Partner, die Alumni der Academy of Music and Dramatic Art, ins Chicago der fünfziger Jahre, wo die Soldaten nach dem Krieg ihre Sehnsucht nach neuen Vergnügungen ausleben.

Vom 25. bis zum 27. Juli gewährt die Shakespeare Company Berlin, ein immer wieder gern gesehener Gast im Globe, unerwartete Einblicke in die Zähmung der Widerspenstigen, womit man der so selten verstandenen Grundwahrheit des Stückes zweifellos um etliches näher kommen wird. Denn wer da immer noch glaubte, der Mann aus Stratford-upon-Avon habe lediglich zur Belustigung der billigen Plätze vorgeführt, wie man sich ein »Weib« gefügig macht, hat den wirklichen Dreh nicht mitbekommen: dass es nämlich manchmal nötig ist, zwei Gestalten, die füreinander bestimmt sind, durch das, was an blödsinnigen Mauern zwischen ihnen steht, hindurchzuprügeln, damit sie auf einer höheren Ebene als geschworene Gemeinschaft gegen den Rest der Welt antreten können. Dazu gehört freilich Mut ...

Mutig ist auch die Schlussfolgerung der bremer shakespeare company, die das Festival vor 20 Jahren aus der Taufe gehoben hat: Julius Cäsar, Cleopatra, Antonius – Im Kreis der Wölfe präsentiert zum Jubiläum gleich zwei fünfaktige Römer‑Dramen, aus denen die erotische Anziehungskraft der Mächtigen erhellt. Frisch, ironisch, frech und schauspielerisch äußerst wandlungsfähig gehen die Mitglieder des Bremer Ensembles in ihrer bewährten, erfolgreichen Art ans Doppelwerk (29. bis 31. Juli).

Die musikalische Facette bringt der britische Bariton Mark Stone am Klavier begleitet von Iain Burnside am Sonntag, den 1. August, ins Globe: Shakespeare-Vertonungen aus romantischer und spätromantischer Zeit.

Über Wandlungsfähigkeit weiß vor allem auch Bea von Malchus am 3. August etwas zu berichten, wenn sie die Historie von Heinrich VIII. als Solo für eine Akteurin inszeniert: Eine Frau, im Chamäleons-Kostüm, ein saftiges Drama … und eine berührende, wie auch witzige Geschichtsstunde.

Am 4. August gehört die Bühne dann wieder Patrick Spottiswoode: Seine Lecture »Shakespeare and the Globe« hat längst Kultstatus erreicht. Der Leiter des Educational Department des Londoner Globes lässt vor den Augen des Zuschauers das Theater um 1600 plastisch entstehen. Humorvoll und spielerisch erläutert er die Dramaturgie und die geniale Sprache Shakespeares und bezieht dabei auch die politischen und sozialen Hintergründe des elisabethanischen Theaters ein.

Am 6. August kommt dann Irina Brook mit ihren Schauspieler/Innen bereits zum dritten Mal ins Neusser Globe. Nachdem der Rundbau vor zwei Jahren in den Grundfesten erbebte, als ihre Compagnie den »Sommernachtstraum erwartete«, gibt es dieses mal Tempête!, einen Sturm, der wieder knapp am Original vorbei und doch mitten hinein geht. Man denke nur: Prospero war nicht der König von Neapel, sondern der beste Pizzabäcker der Stadt und als solcher freilich auch ein König – verraten, verkauft und auf einer Insel gelandet dank der mafiösen Machenschaften seines Bruders. Was sich da wohl alles zwischen »Pizza Cosa Nostra« und »Spaghetti alla Camorra« abspielen wird?

Direkt im Anschluss gastiert mit Irinas Vater Peter Brook eine der unbestrittenen europäischen Theatergrößen in Neuss. Der gut Achtzigjährige hat sich von Anfang an intensiv mit William Shakespeare befasst und zieht nun in seiner Recherche »Warum Warum« seine persönliche Summe aus einem jahrzehntelangen Umgang mit Bühnentexten. Die Phantasmen von Antonin Artaud, Edward Gordon Craig, Wsewolod Meyerhold und Charles Dullin werden auf der Bühne von einer Schauspielerin ausgeführt, die wissen will, wie sich die verschiedensten Emotionen und Zustände spielen lassen: Leidenschaft, Dünkel, Zorn, Verletzung: Miriam Goldschmidt.

Ahogy tetszik heißt es dann, wenn das ungarische Shakespeare-Festival aus Gyula wieder einmal bei seinem Neusser Partner Station macht: »Wie es euch gefällt« knüpft an den riesigen Erfolg des »Sommernachtstraumes« an, den die Darsteller vor zwei Jahren an einem unvergesslichen Abend bei uns erringen konnten – obwohl nur verhältnismäßig wenige Zuschauer die wunderschöne Sprache der Magyaren verstehen, sind Esprit, Gebärden, Emotionen und Wortklänge von solch suggestiver Kraft, dass man nach kurzer Zeit freiwillig auf die eingeblendeten Untertitel verzichten kann.

Das 20. Shakespeare Festival geht zu Ende, wie es begann: mit einem Sommernachtstraum, den am Ende das Rheinische Landestheater in einer Inszenierung von Bettina Jahnke träumt. Die Irrungen und Wirrungen in den Regionen des Sicht- und Unsichtbaren, Pucks Schabernack, die vorübergehende Schieflage der Menschenwelt durch die Verstimmung zwischen Feen- und Elfenpaar – all das löst sich, wenn alle Widerspenstigen gezähmt sind: Ende gut, alles gut! Oder etwa nicht ? 

Eintrittskarten und das vollständige Programm gibt es unter www.shakespeare-festival.de im Internet oder am Info- und Kartentelefon unter der Rufnummer: 01805 065 065 (0,14 €/Min aus dem dt. Festnetz, Mobilfunknetze max. 0,42 €/Min).



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